Poltern ist nicht mein Stil“
Porträt: Der CDU-Landtagsabgeordnete Gottfried Milde ist offenbar beliebt bei seinen Wiesbadener Kollegen
GRIESHEIM/WIESBADEN. Von Johannes Bentrup und Peter Keller

Am Rednerpult: Der CDU-Landtagsabgeordnete und finanzpolitische Fraktionssprecher Gottfried Milde. Foto: Hermann Heibel
Fast wie im Taubenschlag: Gottfried Milde (47) hockt entspannt im „Musiksaal“ des Wiesbadener Landtags und versucht, mit dem Gast zu plaudern. Doch das ist nicht so leicht: Ein Minister grüßt, der CDU-Pressesprecher mahnt, Fraktionskollegen fragen nach einem Platz, Oppositionsabgeordnete scherzen beim Vorbeilaufen. Milde hat kaum Zeit, in eine Rindswurst zu beißen - sein Mittagessen an diesem Plenartag. Der Mann aus Griesheim ist offenbar beliebt bei seinen Wiesbadener Parlamentskollegen.
Grünen-Chef Tarek Al-Wazir meint: „Er ist einer der umgänglichen Abgeordneten.“ Wohltuend sei, dass er nach einer hitzigen Debatte auch mal auf die Opposition zukomme und sage: „Eigentlich habt ihr Recht gehabt.“
Für Frank Blechschmidt (FDP) ist Milde fair, sachlich und „sehr kompetent“. Auch Norbert Schmitt (SPD) aus Heppenheim, wie Milde finanzpolitischer Sprecher seiner Fraktion, ist voll des Lobes: „Wenn alle in der CDU so wären, dann könnte man mit der Truppe etwas anfangen“, sagt Schmitt lachend.
Mildes Anerkennung liegt an seiner Art, Politik zu machen: Poltern „ist gar nicht mein Stil“, sagt er. „Eher die leisen Töne und das Verhandeln“ passten zu ihm.
Dennoch ist er ohne Abstriche loyal zur CDU, was auch daran liegen dürfte, dass er Sohn des früheren CDU-Fraktionschefs (1974 bis 1987) und Hessischen Innenministers (1987 bis 1990) Gottfried Milde senior ist. Milde junior sagte einmal zu dieser politisch geprägten Kindheit und Jugend: „Man entwickelt entweder eine sehr große Abneigung oder eine starke Bindung. Denn in der Partei ist man sicher, da sind die Freunde und Vertrauten, da hat man seine Ruhe.“
Sein Vater sei für ihn „eine Leitfigur“, sagt der Sohn und fügt als zweites früheres Vorbild den christlich-sozialen CDU-Politiker Norbert Blüm an. Ob Mildes prominente Wurzeln ihn in die Schaltzentrale der Landespolitik katapultierten? „Wahrscheinlich muss man die Familie Milde ein stückweit als Gesamtkunstwerk sehen.“ Trat der Junior zu Beginn seiner politischen Karriere auf, schwangen oft Gedanken an den Senior mit, und davon profitierte auch der Junior. Doch Milde sagt auch: „Die Erfolge, die ich in der Politik hatte, musste ich mir selbst erarbeiten.“ Und: „Durchsetzungsfähig muss man sein.“
Ein nächster Karriereschritt für Milde, der seit 13 Jahren Abgeordneter ist, wäre ein Ministeramt. Doch im Sommer, als der neue Ministerpräsident Volker Bouffier sein Kabinett zusammenstellte, wurde er nicht berücksichtigt.
Wehmut oder gar Verbitterung ist nicht zu spüren, wenn er darüber spricht. „Ich vermisse nichts, wenn ich kein Minister bin“, sagt er. Damals habe Bouffier mit ihm gesprochen, und: „Ich habe für mich entschieden, dass die Position eines Staatssekretärs für mich nicht in Frage kommt.“
So arbeitet er nebenher in Frankfurt bei einem Wertpapier-Broker und behält damit die Unabhängigkeit, wie er sagt, immer aus der Politik ausscheiden zu können. Zudem ist Milde viel im Wahlkreis unterwegs: bei Spatenstichen und „Tagen der offenen Tür“, bei Sportvereinen und Feuerwehren.
Im Griesheimer Parlament wird deutlich, dass in Mildes politischem Werkzeugkasten für Polemik nur wenig Platz ist. Dort wirkt er von 1991 bis 1993 und seit 2001 bis heute an den politischen Entscheidungen für seine Heimatstadt mit. Stets in der Opposition. Denn die CDU verfügt nur über zehn Sitze.
Den Weg der erbitterten Konfrontation mit der übermächtigen SPD (22 Sitze) hat er gleichwohl nie ernsthaft gesucht. Meist diskutiert er an der Sache orientiert und ist auf der Suche nach dem Kompromiss, der ihm die Zustimmung ermöglicht. In Griesheim ist dies in den zurückliegenden Jahren häufig gelungen. Zum Wohle der Stadt. Das sieht auch Milde so und weist gerne auf den Anteil seiner Partei an der gedeihlichen Entwicklung hin.
Milde ist wegen seines Landtagsmandats auf kommunaler Ebene öfter zum Spagat gezwungen. Denn in Wiesbaden fallen viele Entscheidungen, die den Städten und Gemeinden das Leben schwer machen. Bürgermeister Norbert Leber (SPD) lässt ungern eine Gelegenheit aus darauf hinzuweisen.
Doch die sich daraus ergebenden Duelle der beiden Finanzexperten sind seltener geworden, seit Milde den Posten des Fraktionssprechers im Jahr 2007 abgab. Terminkollisionen zwischen Landtag und örtlicher Politik machten das erforderlich. „Es ist nicht gut, wenn der Fraktionschef nicht da ist“, weiß der Politiker. Überhaupt hält er es für zielführender, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Doch trotz Zeitproblemen wird er dem Parlament erhalten bleiben. Auf der CDU-Liste zur Kommunalwahl steht er wieder an erster Stelle.
Kerzengerade, souverän, fast schon entspannt steht Milde am Rednerpult im Plenarsaal. Er spricht über den Landesetat. „Es ist ein Bildungshaushalt“, sagt er. Mehr Lehrer sollen eingestellt und in Hochschulen investiert werden. Ganz der Finanzfachmann geht er kurz auf die „Eigenkapitalquote“ Griesheims ein und meint, die Kommunen würden nicht vom Land geschröpft. Doch so Recht schlagen seine Worte nicht durch. Der Haushalt begeistert kaum an diesem Tag. Nur spärlich erntet er Applaus.
Als finanzpolitischer Sprecher hat Milde Einfluss auf fast alle landespolitischen Fragen. Zudem ist er stellvertretender Fraktionschef. Doch Politik ist für ihn nicht das ganze Leben. Er ist begeisterter Hobbysportler und Familienmensch - vier Kinder zwischen neun und 25 Jahren hat er. Er sei sogar Opa, erzählt er stolz.
Früh wurde Milde Vater, auch deshalb wechselte er als junger Mann nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann nicht wieder an die Mainzer Universität, um sein Studium der evangelischen Theologie fortzusetzen. Vielleicht hängt damit auch eine Lebenseinstellung von ihm zusammen: „Ich stehe nicht jeden Morgen mit dem Wunsch auf: Da muss man jetzt noch ein Stückchen weiter kommen.“
Quelle: Darmstädter Echo (erschienen am 5. Januar 2011) |